Ich habe Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, kurz LRS. Das weiß ich schon seit der Grundschule. Damals hatte meine Mutter mich auf Legasthenie testen lassen. Allerdings war ich doch ein kleines Bisschen zu gut für eine Diagnose auf Legasthenie, wurde also weiterhin normal benotet und kassierte dadurch meine gesamte Schulzeit Fünfen und Sechsen im Deutschunterricht.
Meine Rechtschreibung wurde erst besser, als ich angefangen habe, Textverarbeitungsprogramme mit integrierter Rechtschreibprüfung zu benutzen. Durch diese rot unterstrichenen Worte habe ich gelernt, wo genau meine Schwächen liegen und worauf ich achten muss. Und nein, es war damals nicht üblich einen PC zuhause zu haben. Ich hatte nur das Glück eine weitestgehend computeraffine Familie zu haben. Dennoch brauche ich für alles, was Lesen und Schreiben betrifft, mehr Zeit und mehr Konzentration.
Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt damit umzugehen und meine Defizite zu kompensieren. Das funktioniert, so lange ich meine dafür nötigen Voraussetzungen habe. Die meisten Menschen bemerken es gar nicht und wundern sich, wenn ich es erzähle.
Viele Dinge sind mir allerdings erst in den letzten Jahren wirklich klar geworden und auch, dass es trotz all meiner Bemühungen ein Defizit bleibt.
Das Ding mit der Definition
Den Begriff “Legasthenie” haben sicherlich die meisten schon gehört. Auf Wikipedia wird differenziert zwischen der Legasthenie, also einer “Lese-Rechtschreib-Störung”, und LRS, einer “Lese-Rechtschreib-Schwäche”.
Da Wikipedia allerdings nicht unbedingt die neusten Erkenntnisse repräsentiert, habe ich meinen bibliothekarischen Vorteil ausgenutzt und etwas in Fachbüchern gestöbert. In allen fand ich übergreifend den Begriff “Lese-Rechtschreibs-Schwierigkeiten”.
Im aktuellsten Lehrbuch, das eine Definition enthielt (“Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) im Fremdsprachenunterricht” aus 2019) wurde auch darauf eingegangen, dass die Worte “Störung” und “Schwäche” negative assoziiert sind. “Schwierigkeiten” ist zwar auch nicht perfekt, aber ich empfinde es tatsächlich als weniger abwertend.
Als Ursachen wird von neurologischen Problemen bis hin zum Familienumfeld ziemlich viel herangezogen. Grundsätzlich fallen unter LRS verschiedene ausprägungen von Schwierigkeiten. Manche können gut lesen, haben aber Probleme beim Schreiben, bei anderen ist es umgekehrt. Die Ausprägungen sind immer sehr individuell.
All das, was ich bei mir selbst sehe, habe ich allerdings darunter gefunden:
- Ich verwechsel gerne ähnlich klingende Laute wie ä und e.
- Ich verdrehe Buchstaben, die ähnlich geschrieben werden, wie d und g.
- Ich verkürze Laute, die aus mehreren Buchstaben bestehen, auf einen einzigen und mache aus “sch” einfach “s”.
- Ich schreibe das Adjektiv vor einem Nomen groß, weil das direkt auf den Artikel folgt.
- Ich lese und schreibe vergleichsweise deutlich langsamer als die meisten meiner Mitmenschen.
- Ich lese sehr holprig vor und verwechsle dabei immer wieder Worte.
Und all das steht und fällt mit meiner Konzentration. Als Morgenmensch heißt das für mich: alles, was mit Texten zu tun hat, sollte ich nach Möglichkeit vor der Mittagszeit erledigen.
Anspruch und Erwartungen
Und jetzt kommen die Menschen ins Spiel, die überhaupt nicht verstehen, wo eigentlich das Problem liegt. Schließlich schreibt doch kein Mensch auf anhieb fehlerfrei.
Das mag vielleicht sein. Aber lange nicht alle bemühen sich so sehr wie ich, die Fehlerquote auf ein Minimum zu senken. Und da beginnt meine persönliche Schmerzgrenze, weil ich durch meine LRS niemals bei Null ankomme.
Ja, ich habe den Anspruch, meine Texte möglichst Fehlerfrei zu bekommen. Während andere es einfach hinnehmen, wenn sich da noch ein paar Tippfehler tummeln, ärgerte ich mich, weil ich es wieder nicht geschafft habe.
Viele Menschen wollen nicht verstehen oder akzeptieren, dass es eine Grenze bei Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten gibt. Daraus entstehen dann Vorurteile. “Zu faul die Texte nach dem Tippen nochmal durchzugehen und die Fehler zu beseitigen” ist nur eines davon.
Unterstellt werden auch gerne Verständnisprobleme, weniger Intelligenz und dass Betroffene sich nur mehr Mühe geben müssen, um das richtig hinzubekommen. All das stimmt nicht. Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten sind da und bleiben es auch.
Das habe ich selbst auch erst vor ein paar Jahren wirklich begriffen.
Ein Rollenspielreinfall
Lange lange Zeit habe ich Rollenspiele in verschiedenen Chats gespielt, basierend auf “Das Schwarze Auge”. Meine Texte waren , was die Rechtschreibung angeht, eher dürftig – vor allem, wenn ich nicht die Möglichkeit hatte etwas in einem Textverarbeitungsprogramm vorzuschreiben.
Problematisch wurde es immer dann, wenn zu viele Spielende in einem Channel waren. Dann wurde ich langsamer im Spiel und, nun ja, meine Antworten kamen oft zu spät, um für das Geschehen im Spiel noch berücksichtigt werden zu können. Meistens legte ich in solchen überfüllten Räumen den Fokus nur auf die Spielenden, mit denen ich gerade agierte.
Den Mitspielenden, mit denen ich öfter spielte, sagte ich für gewöhnlich auch, dass ich langsam bin. Ein paar wenige gab es auch, die das berücksichtigten, das auch in der Hitze der Gefechts nicht vergaßen und andere daran erinnerten. Das machte das Spielen sehr angenehm.
Leider stieß ich vor ein paar Jahren an die Grenzen meiner LRS. Ich hatte den Fehler begangen, mich auf eine Kampagne einzulassen, in der nur Spielende waren, die schnell und kurz schrieben. Kurzum: ich war überfordert, mit allem, und habe damit den ganzen Plot gesprengt.
Da habe ich begriffen, dass ich bei dieser Art zu spielen niemals werde mithalten können.
Leider war mir damit auch klar, dass ich so kein Rollenspiel mehr machen wollte. Sicher, es hat Spaß gemacht, aber meine Defizite hatte ich ja schon vorher durchaus bemerkt – und es hatte mich auch vorher schon frustriert, beim Geschehen nicht beachtet oder einfach überrannt zu werden, weil ich nicht schnell genug reagieren konnte.
Weil ich aber diese Art des Rollenspiels wirklich liebe, wollte ich dennoch weiter spielen. Ich musste es nur anders angehen. Leider gab es damals nur eine Person aus meinem Chat, die sich darauf einließ und mit der ich dann wirklich tolle Spiele hatte (Danke dafür!). Momentan lässt mir mein Alltag leider keine Luft mehr für Rollenspiel.
Die Norm
Die meisten Menschen gehen von sich selbst aus. In der Dokumentation Graustufen über Hochsensibilität und Asperger sagte die Psychiaterin Dr. Maria Asperger-Felder folgendes: “Normalität ist eine statistische Definition über ein Verhalten.”
Dieser Satz passt wunderbar auf alle Bereiche des menschlichen Lebens. Überall ist dieses berühmte “normal” nur das, was statistisch am meisten zutrifft. Aber bei allem gibt es ein weites Spektrum darum herum, das gerne vergessen oder, schlimmer, diskriminiert wird, weil es nicht mit dem deckt, was “normal” ist.
Mittlerweile sind wir an einem Punkt, an dem vielen Menschen nicht mehr versuchen, sich der Norm anzupassen. Und das stößt leider auf Gegenwehr.
Dabei funktioniert ein friedliches Miteinander am besten, wenn Menschen über möglichst viele Facetten bescheid wissen. Selbst, wenn ihr nicht versteht, wovon jemand spricht, wenn ihr es nicht nachvollziehen könnt, weil ihr die Situationen nicht kennt, weil es bei euch anders ist: akzeptiert was euch von Betroffenen erzählt wird. Akzeptanz ist meiner Meinung nach der erste Schritt. Im Idealfall, denkt ihr auch noch darüber nach, reflektiert euer eigenes Verhalten und versteht es am Ende vielleicht doch. Und ich spreche hier nicht von meinen Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten. Das ist nur ein vergleichsweise kleines Beispiel, denn es gibt da draußen noch so viel mehr Menschen im weiten Spektrum um das “normal” herum.
Quellen
- LegaKids: https://www.legakids.net
- Bundesverband Legasthenie & Dyskalkulie e.V.: https://www.bvl-legasthenie.de
- Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Lese-_und_Rechtschreibstörung
Literatur
- Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) im Fremdsprachenunterricht
Gerlach, David
Gunter Narr Verlag, 2019
ISBN: 978-3-8233-8262-1 (Print)
ISBN: 978-3-8233-9262-0 (eBook)
- LRS – Legasthenie – in den Klassen 1-10 : Handbuch der Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten, Band 1
Herausgegeben von Ingrid M. Naegele und Renate Valtin
Belz Verlag, überarbeitete Auflage 2003
ISBN: 3-407-62495-6
