Gespräch mit Alena (1)

Alena erwartete mich bereits, als ich die Planken des Weges erreichte. Es war ein kühler Sommertag, der frische Wind trug den salzigen Geruch des Meeres mit sich, fuhr mit kalten Fingern unter meine Jacke und blies mir meine Haare ins Gesicht. Doch während ich fröstelte, schien Alena sich an der sommerlichen Frische nicht zu stören und lächelte mich an. „Es freut mich, dich zu sehen.“
Ich ließ die Aussage so stehen, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob das der Wahrheit entsprach. Alena war die Einzige meiner Figuren, der ich zutraute nicht einfach hinzunehmen, dass sie nur dem Hirn einer Möchtegernautorin entsprang. Und doch hatte ich mich endlich entschlossen, mit ihr ein Gespräch zu führen. Sie würde nicht ignorieren, dass ich sie erdacht hatte und sie würde es hinnehmen müssen. Was konnte sie schon groß unternehmen?
„Ich hoffe es stört dich nicht, wenn wir ein wenig spazieren gehen?“, fragte Alena und nickte in Richtung des Strandes, zu dem die Holzplanken durch Felsen, Gestrüpp und niedrige Bäume in Windungen und Treppen hinabführten.
Ich schüttelte den Kopf und ging, Alena blieb mit mir auf gleicher Höhe. „Was verschafft mir die Ehre?“
Noch immer lächelte sie und allmählich verstand ich den Gedanken, weswegen es ausgerechnet ihr schwer fiel richtige Freunde zu finden; sie analysierte mich in diesem Moment. Diese hochgewachsene Frau, die noch dazu die einzige war, die ich wirklich als Schön konzipiert hatte, sah mich mit ihren dunklen Augen so durchdringend an, dass es fast unangenehm war. Soviel zu meiner Idee, ging es mir durch den Kopf. Wenn es jemanden gab, der mich durchschauen konnte, dann Alena. Was keine gute Eigenschaft für jemanden war, den ich erfunden hatte. „Ich wollte mit dir über deine Freunde sprechen“, beantwortete ich schließlich ihre Frage.
Sie zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. „Weshalb?“
„Naja, das war eine spontane Idee.“ Ich hob die Schultern und sah zum Strand hinunter. „Ich habe einfach darüber nachgedacht und dann ist mir klar geworden, dass du auch noch nicht viele wirklich gute Freunde gehabt haben kannst.“ Einen Augenblick hielt ich inne und sah wieder zu ihr auf. „So gesehen warst du für Sananka die erste richtig gute Freundin. Und eigentlich müsste sie das doch auch für dich gewesen sein.“
„Nicht direkt“, erklärte Alena. „Meine erste beste Freundin war Elisa.“
Gut, ihre Schwester hatte ich gar nicht bedacht. Dann müsste ich sicherlich auch noch an ihren Bruder denken. „Von Familie mal abgesehen.“
Alena nickte. „Auf der Magierakademie waren noch zwei Mädchen; Jare und Feranira.“
Unter meinen Schuhen knirschten Sand, Muschelreste und kleine Steinchen, als wir den Stand betraten. Ich lächelte, denn diese beiden Mädchen hatte ich wirklich völlig vergessen. „Ach ja, die beiden die dich quasi hübsch gemacht haben.“
Erneut nickte Alena. Ihr immerwährendes Lächeln schien etwas weicher zu werden. „Sofern du es so nennen möchtest. Allerdings haben sie mich niemals richtig verstanden.“
„Was haben sie nicht verstanden?“
Sie richtete den Blick an mir vorbei auf das weite Meer. Wellen schlugen an den Strand und füllten die Luft mit einem stetigen Rauschen. „Zum Beispiel, dass ich begann Elfisch zu lernen. Niemand sonst interessierte sich dafür und gerade für eine Beherrschungsmagierin war das keine übliche Wahl.“
„Verstehe“, meinte ich und musste ebenfalls lächeln. „Das hatte dann wohl mit der Idee deines Traummanns zu tun.“
„Die sich bewahrheitet hat.“
„Ja, aber dass du so auf diesen Elfen aus deinem Traum beharrt hast, haben sie sicherlich auch nicht verstanden.“
„Nein“, bestätigte Alena meine Annahme. „wegen dieses Traumes hatte ich auch niemals Interesse an den Jungen auf der Akademie. Irgendwann drehte sich aber alles nur noch um die Jungen, wie das bei Mädchen ist, wenn sie langsam erwachsen werden.“ Sie hob darauf die Schultern, ihr Lächeln wurde wehmütig. „Mich interessierte nicht, welcher Junge mich ausführen wollte oder ob ein anderes Mädchen deswegen eifersüchtig auf mich war. Ich kapselte mich ab und widmete mich lieber meinen Studien.“
„Und wie war das dann bei Sananka, Kyle und Lailah?“
„Sie waren echt.“ Alena sah mich wieder an. „Lailah war freundlich und hilfsbereit. Ihr stand anfangs nur ihre Scheu im Wege, sich mit jemandem anzufreunden, dessen Stand höher war als der ihre. Kyle war ehrlich, bei ihm fiel es nicht schwer zu sehen, dass er sozusagen ein goldenes Herz hatte und ich nur akzeptieren musste, dass er etwas eigen sein konnte. Und Sananka …“ Überlegend unterbrach sie sich. „Mich hat sonst niemals jemand derart an der Nase herumgeführt.“
Jetzt runzelte ich die Stirn. „Heißt das, du hast wirklich nicht bemerkt, dass sie quasi Eure Gegenspielerin war?“
Alena schüttelte den Kopf. „Nein. Auch sie war echt. Diese angebliche Maske, hinter der sie sich versteckt hatte, das war sie. Unecht war die Mörderin. Außerdem …“ jetzt nahm sie sich etwas Bedenkzeit um die richtigen Worte zu finden. „ich denke, ich wollte nicht mehr in ihr sehen.“
„Also meinst du, du hättest sie durchschauen können?“
„Vielleicht. Aber ich wollte sie nicht durchschauen.“ Das war eine interessante Feststellung. „Ich mochte Sananka, ich wusste, sie hatte ein gutes Herz. Und sie war bis über beide Ohren in Kyle verliebt, wie er auch in sie, das war nicht zu übersehen.“
Ich musste wieder grinsen. „Ja, das stimmt. Und das war dir schon genug?“
„Kyle war von Anfang an derjenige, der mir bei den Ermittlungen half. Deswegen war Sananka so oft dabei anwesend. Und genauso, wie sie versucht hat, Kyle zu ignorieren versuchte er sie in Schutz zu nehmen; auf seine Art und Weise. Diese beiden gehörten einfach zusammen, aus welchem Grund hätte ich versuchen sollen, Sananka als Kyles Gegenspielerin zu sehen?“
Auch, wenn es sich seltsam anhörte: diese Gedanken passten auch zu Alena. Sie war eine Idealistin und sie brauchte Harmonie zwischen den Menschen, Elfen und anderen Wesen, mit denen sie sich umgab. Ich lächelte. „Ja, das macht durchaus Sinn.“
„Das sollte es“, entgegnete Alena lächelnd. „Es ist schließlich deine Idee.“ Ihr Blick blieb prüfend auf mir liefen und sie zog die Augenbraue zusammen. „Gestatte mir eine Frage: Enden deine Geschichten gut?“
Überrascht erwiderte ich ihren Blick. „Ähm, naja, eigentlich schon.“ Einen Moment hielt ich inne, dann fügte ich langsam hinzu: „Allerdings kommt es auch darauf an, für wen und ob sie überhaupt enden.“
„Ob sie überhaut enden?“
Ich nickte und hob darauf gleich unschlüssig die Schultern. „Naja, ich neige dazu, Geschichten immer weiter und weiter zu spinnen. Besonders dann, wenn ich die Protagonisten mag.“
Alena nickte bedächtig und lächelte. „Verstehe …“
Sicherlich verstand sie. Ihr Blick sagte mir, sie verstand gerade zu viel und ich fühlte mich irgendwie ertappt. Natürlich war sie einer meiner Lieblingscharaktere. Natürlich spon ich ihre Geschichte immer und immer weiter, wenn mir neue Ideen kamen. Aber sicherlich würde ich auch da irgendwann zu einem Ende kommen müssen. Ich seufzte und lächelte ebenfalls. „Frag einfach. Frage mich alles, was du willst. Ich werde dir antworte so gut ich kann“, forderte ich sie schließlich auf. Was sollte schließlich schon passieren, wenn sie mich ausfrage? Sie würde meine Geschichten schon nicht plötzlich sabotieren.

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