5-Minuten-Abstecher: Wissen (Alena)

Alena starrte auf das Wasser hinab, auf das Bild einer Frau mit wallenden blonden Haaren, einem teuren aber schmutzigem Kleid und großen, dunklen Augen, die eilig eine dunkle Straße entlanglief, fort von ihrer Vergangenheit.
Du musst es ihr sagen, Alena!, meldete sich ihr inneres Stimmchen. Du musst Sananka die Wahrheit sagen. Doch würde sie die Wahrheit überhaupt hören wollen? Wolle sie den Grund wissen, weswegen sie in einem Waisenhaus hatte aufwachsen müssen? War es nicht viel einfach für sie, weiterhin ihre Mutter dafür verantwortlich zu machen? Die große und lieblose Unbekannte, die sie einfach ausgesetzt hatte? Sananka hatte nie nach den Gründen gefragt. Sie wusste nur, dass ihre Mutter sie halb tot zu einem Medicus gebracht und nie wieder abgeholt hatte. Der Medicus hatte sie in das Waisenhaus gebracht. Und dort war sie geblieben, eine unschöne und grausame Kindheit lang.
Nachdenklich fuhr Alena mit den Fingerspitzen über das Wasser und ließ eine weitere Begebenheit erscheinen: einen Mann, der noch im Tode seine kleine Tochter schützend im Arm hielt. Er hatte Sananka das erste Mal das Leben gerettet, sonst wäre sie bei dem Angriff bereits gestorben. Ihre Mutter hatte dafür gesorgt, dass sie nicht an den Folgen starb. Ihre Eltern hatten sich beide für sie geopfert.
Lange stand Alena einfach nur da. Sie wollte es Sananka sagen, sie wollte ihr so gerne beweisen, dass auch sie von ihren Eltern geliebt worden war; dass es keiner Herzlosigkeit entsprungen war, dass sie in das Waisenhaus gegeben worden war. Doch sie konnte nicht, noch nicht. Vielleicht irgendwann, wenn die Zeit reif dafür war. Jetzt war sie es nicht.

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