Heldentat (Lailah)

Staub schwebte über dem eingestürzten Gebäude, als Lailah es erreichte. Der Wald hatte sich das verlassene Gutshaus endgültig zurückgeholt; Wurzeln und Äste hatten sich tief in die Mauern gegraben und sie letztlich zu Fall gebracht.
Lailah stützte sich nur mit den Händen auf ihren Knien ab und atmete tief durch. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust, doch nicht nur wegen des Sprints aus der Stadt hier her. Jetzt erreichte auch Sananka die Ruine. Weit weniger außer Puste, als Lailah selbst, beäugte sie das Gemäuer und schüttelte den Kopf. „Mensch, und weswegen hattest du es nun so eilig her zu kommen?“
Doch Lailah schüttelte nur den Kopf, nahm dabei ihre Kappe ab und fuhr sich durch die Haare. Sie war sich sicher, jemand brauchte hier Hilfe. Und nun hatte sie auch eine Ahnung, weswegen.
Sananka stemmte die Hände in die Hüften, als Lailah nicht antwortete. „He! Ich war nicht diejenige, die es so eilig hatte her zu kommen!“, maulte sie.
„Bitte, tu einfach mal Still sein!“, gab Lailah zurück, steckte die Kappe in ihren Gürtel und lauschte. Da! Da war ein husten und ein leises Wimmern. „Ich muss da rein.“
Noch während Sananka ein erstauntes „Was?!“ von sich gab, stieg Lailah bereits über einige Brocken der Mauer und zwängte sich zwischen zwei Balten hindurch. Von oben rieselte Sand herab, als sie über den Schutt kletterte, zu dem der größte Teil des Hauses zusammengebrochen war.
„Lailah!“, hörte sie Sanankas Protest, doch die Schneiderin hütete sich, ihr in das zusammengebrochene Gemäuer zu folgen. „Bist du verrückt geworden? Das ist gefährlich da drin!“
„Ich weiß.“ Lailah kletterte über zerschmettertes Holz hinweg. Die Bruchstücke zersplitterten das Licht. Wo das dichte Blätterdach des Waldes über der Ruine mit zusammengebrochen war, blockierten nun Trümmer und ein halbes Dache das Tageslicht. Große Fenster waren zu winzigen Scharten geschrumpft, daneben klafften Löcher in ungewisses Dunkel. Es wurde immer düsterer, Lailah war sich nicht einmal sicher, ob sie soeben über einen Baum hinwegkletterte oder ob es ein Teil einer Holzverkleidung von Decke oder Wänden war. Das Husten kam näher, doch das Wimmern hatte aufgehört. „He, is‘ da jemand?“, fragte Lailah ins Ungewisse. Sie erhielt keine Antwort. Sie rief ein weiteres Mal und sackte plötzlich mit dem Fuß ein. Geröll löste sich unter ihr und rutsche weg. Erschrocken klammerte sie sich irgendwo fest, während sich unter ihr ein schwarzes Loch auftat. Aus weiter Ferne hörte sie Sanankas Rufen, doch sie antwortete nicht. Mühselig suchte sie sich festen Halt und zog sich wieder hinauf. Und plötzlich war das Husten direkt neben ihr. „He, wo bist du?“, fragte sie in die Dunkelheit und endlich bekam sie Antwort: „Wir sind hier!“, kreischte eine Kinderstimme, verzerrt durch Schluchzen und Husten.
„Is‘ gut, ich hole euch raus.“ Lailah bemühte sich um Ruhe, auch wenn die Angst anschwoll, je länger sie hier drin steckte. Die Luft war voller Staub, sie konnte kaum Atmen und es war drückend warm, als klettere sie in der Holzkohle eines Heizofens. „Rede weiter, damit ich euch finden tu.“
Das Kind sagte nichts, sondern brach in herzzerreißendes Weinen aus. Lailah sprach weiter auf sie ein, versuchte sie zu beruhigen und kletterte weiter. Einige Meter stieg sie nach unten, dann klammerte sich etwas an ihr Bein. Dort waren sie! Im Dunkeln konnte Lailah zwei kleine Gestalten ausmachen, zwei Kinder; das weinende Mädchen und ein kleineres Kind, das zusammengekrümmt auf dem Boden lag.
„Er sagt nichts mehr!“, schluchzte das Mädchen und klammerte sich an sie, als Lailah in die Hocke ging. „Er sagt nichts mehr! Er ist bestimmt tot!“
„Nein, nein, das is‘ er nicht“, versuchte Lailah das Mädchen zu beruhigen. Sie schob sich neben den Jungen und schüttelte ihn. Al er nicht reagierte, sagte sie: „Wird alles wieder gut, ganz bestimmt.“ Vorsichtig schob sie die Hände unter den Kleinen Körper und versuchte ihn anzuheben. Er war schlaff, doch er war nirgendwo eingeklemmt.
„Kletter auf meinen Rücken.“ Das Mädchen gehorchte erst bei der dritten Aufforderung und klammerte sich so fest um Lailahs Hals, dass sie glaubte, es wolle sie erwürgen. Den kleinen Jungen legte sie sich über Schulter und Arm, presste ihn an ihre Seite. Mit nur einer freien Hand war der Weg hinaus schwerer, viel schwerer. Lailah rutschte mehrmals ab, ehe sie aus dem Loch wieder hinausgeklettert war. Dann knackte es über ihr verdächtig. Plötzlich hämmerte ihr Herz nicht mehr, sondern stand still, dann ließ alle Vorsicht beiseite und stürmte voran, während hinter ihr Holz und Steine niedergingen und den Weg verschütteten, den sie eben genommen hatte.
Außer Puste und verschmutzt sprang sie über den letzten Mauerrest, hielt das Mädchen mit der zweiten Hand fest. Mehrere Meter brachte sie zwischen sich und die Ruine, bevor sie sich auf die Knie fallen ließ. Sie konnte nicht mehr stehen, ihre Beine zitterten. Jemand nahm ihr das weinende Mädchen vom Rücken und versuchte auch den Jungen aus ihrer Umklammerung zu lösen. Doch erst nach und nach registrierte sie die plötzlich vielen Menschen um sie herum. Sananka hatte Hilfe geholt.
Lailah atmete tief aus und hob den Blick. Marli saß neben dem Jungen und tastete ihn fachmännisch ab. Alena hockte daneben und hatte das immer noch weinende Mädchen im Arm. Marlis Bruder und ein weiterer Mann von der Stadtwache standen daneben und schräg dahinter Marius und Sananka. Während Sananka grummelnd die Arme verschränkt hatte, wirkte Marius verloren. Als sich ihre Blicke trafen, wusste Lailah weswegen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Mühsam stand sie wieder auf, sofort half er ihr. Trotzdem sah er sie verzweifelt an. „Wie soll ich auf dich aufpassen, wenn du einfach davonrennst?“
„‘Tschuldige.“ Lailah versuchte es mit einem Lächeln. „Die konnten halt nicht warten.“

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