Der erste Leichnam hinkte auf sie zu, langsam aber ohne sich von etwas aufhalten zu lassen. Ein Ast verhakte sich in einem Hautfetzen und riss ihn ab; der Leichnam wankte weiter. Der zweite kam deutlich schneller voran, obgleich er fast nur noch aus Knochen bestand. Eske tastete nach Joses Arm, ohne den Blick von den lebenden Toten abzuwenden. Sie mussten hier weg. Doch der einzige, der nicht wie erstarrt war, war der Baron. „Die ersten Fehlversuche“, sagte er und ging lachend auf die Leichen zu. Er stellte sich ihnen in den Weg, breitete die Arme aus, als hieße er sie willkommen. Der zweite Leichnam erblickte den Baron, das blaue Licht zuckte in den leeren Augenhöhlen, dann stürzte er sich unerwartet schnell auf den Baron. Faulige Krallen und Zähne schlugen sich in sein Fleisch. Als sich auch der erste Leichnam auf ihn stürzte ging sein Schreien in einem Gurgeln unter.
„Lauft!“ Eskes Stimme war nicht mehr als ein Krächzen. Sie zog Jose rückwärts in die Richtung, aus der sie zuvor mit der Kutsche gekommen waren. „Lauft!“, rief sie noch einmal, drehte sich um und rannte. Jose ließ die Lampe fallen, als Eske ihn mit sich zog. Eske hörte das Splittern des Glases und Schritte hinter sich. Der Wald um sie herum glühte, das Licht schien sich immer weiter auszubreiten. Sie mussten raus aus dem Wald, die mussten sich irgendwo in Sicherheit bringen. Das war der Moment, in dem Eske wieder klar denken konnte. „Wartet!“, rief sie und blieb stehen. Jose war noch immer neben ihr, der Wachmann nur wenige Schritte hinter ihnen. „Wo ist Meister zu Lauenkamp?“ Alle sahen sich um, das blaue Licht hatten sie hinter sich gelassen und in der Dunkelheit war der Maler nirgendswo zu sehen. Eske schloss die Augen und atmete tief durch, ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Brust, dass sie glaubte, es würde sich jeden Moment aus seinem Gefängnis befreien. Sie musste sich sammeln, den Gedanken wiederfinden, den sie soeben noch gehabt hatte. „Du!“, wandte sie sich an den Wachmann. „Ihr kennt Euch hier besser aus. Gibt es einen Weg in die Stadt, der nicht durch den Wald führt?“
Der Wachmann starrte sie wortlos an.
„Sprich schon!“
„Äh, nein … nein, ich glaube nicht.“
„Was hast du vor?“, wollte Jose wissen.
Eske kniff die Augen zusammen und sammelte sich abermals. „Wir muss in die Stadt, um die Behörde zu allarmieren. Zuvor müssen wir Meister zu Lauenkamp finden und die Menschen im Anwesen müssen ebenfalls gewarnt werden.“
„Der Hauptmann wird sicherlich die Notwenigkeit begreifen und helfen“, beteuerte der Wachmann.
„Wie viele Wachen waren heute Abend auf dem Anwesen?“
„Nachts sind wir zu dritt. Wegen des Feuers werden sicherlich alle sieben am Anwesen sein.“
Eske sah zwischen den beiden hin und her. „Gibt es hier eine Jagdhütte in der Nähe?“
Der Wachmann nickte. „Nördlich des Anwesens.“
„Was willst du mit einer Jagdhütte?“
Doch Eske ignorierte Joses Frage und streckte dem Wachmann fordernd eine Hand entgegen. „Gebt mir Euer Schwert.“
„Was?!“
„Gebt mir Euer Schwert!“
Zögernd gehorchte der Wachmann und händigte Eske das Schwert aus. Es war schwer und unhandlich. Aber es würde genügen, um einen lebenden Leichnam in Stücke zu schlagen, wenn sie es musste. „Ihr beide geht zum Anwesen, ich werde Meister zu Lauenkamp suchen.“
„Eske, du …“
Doch sie ließ Jose nicht ausreden. „Entweder folge ich Euch zum Anwesen, wenn ich ihn gefunden habe, oder wir verbarrikadieren uns in der Jagdhütte.“
„Ich werde dich nicht alleine gehen lassen!“, protestierte Jose abermals.
„Dann geht Ihr alleine zum Anwesen.“
Der Wachmann nickte. „Zu Befehl Fräulein Lammfeld.“ Dann wandte er sich ab und rannte weiter. Eske sah Jose an und nickte ebenfalls. „Komm.“
