Malerin der Toten 15

Ohne auch nur einmal innezuhalten, fand Kanu’um den Weg durch das Labyrinth. Vorbei an kleinen Zierbrunnen, Blumenbeeten und Meilen von Hecken. Hin und wieder flogen Stimmfetzen durch den Wind und über den grünen Blättern konnte Eske die Flammen ausmachen, die die Villa fraßen. Die Sonnen überließen es nunmehr dem Flammenmeer sein warmes Licht zu spenden.
Endlich waren sie am westlichen Ausgang angelangt, ein von Rosen umgebener Bogen, und blieb Kanu’um plötzlich stehen. Warnend streckte er einen Arm aus und Eske blieb stehen. „Was ist?“ Doch kaum hatte sie die Frage gestellt, sah sie es selbst; die Lampe an der Kutsche, das Kleid der Baronin schimmerte mehlfarben.
Jose japste erschrocken und Meister zu Lauenkamp versuchte seine Öllampe hinter seinem Rücken zu verbergen. Doch sein Bemühen war zwecklos. Jose packte Kanu’um am Kragen. „Du hast uns reingelegt!“
„Ich wusste nicht, dass sie hier ist!“
„Kanu’um? Kanu’um!“, hörte Eske gleich darauf die Baronin rufen, Schritte folgten. Eilig sah sich Eske nach etwas um, dass sie benutzen konnte, um die Baronin in Schach zu halten, doch die einzige Waffe, die sie hatten, war der Dolch, den Jose noch immer in der Hand hielt. „Jose!“
Ihr alter Freund begriff nicht sofort und Sekunden verstrichen, bis er Kanu’um endlich los ließ. Sekunden, in denen die Baronin sie erreichte, registrierte, dass Kanu’um nicht Eske alleine hier her gebracht hatte und es sich nicht um Gefangene handelte. In dem Moment, als die Baronin sich umdrehte und davon lief, stürzte Eske sich auf sie. Sie riss sie am Arm herum, die Baronin kreischte und taumelte in eine der Rosenhecken. Die Dornen gruben sich in ihren aufwendigen Rock und hinderten sie daran, sich zu befreien. Dann war Jose da und hielt ihr den Dolch an die Kehle. „Keine Bewegung!“
Die Baronin gehorchte, suchte jedoch den Blickkontakt mit Kanu‘um. „Was geht hier vor sich? Kanu’um!?“
Doch dieser antwortete ihr nicht. „Ich schicke den Kutscher fort“, sagte er und wandte sich ab.
„Kanu’um!“, kreischte die Baronin, doch Jose maßregelte sie indem er den Druck der Klinge erhöhte. Darauf überschlug sich ihre Stimme und endete in einem Wimmern. Eske konnte nicht erkennen, ob sie weinte. Fast hatte sie Mitleid mit der Frau. Sie war gebrechlich, siechte seit Jahren dahin und wünschte sich nichts sehnlicher, als einen gesunden Körper. Dass sie ausgerechnet Eskes hatte haben wollen, war freilich verwerflich, doch konnte man ihr den Wunsch danach vorwerfen?
Auch Jose schien das wimmernde Etwas eher Leid zu tun, seine Worte waren nicht mehr ganz so harsch. „Ich sollte Euch für Eure Machenschaften die Kehle durchschneiden, aber ich glaube, es ist die größere Strafe, Euch am Leben zu lassen.“
Kurz darauf erschien Kanu’um erneut und forderte sie auf, zur Kutsche zu gehen. Jose trat mit erhobenem Dolch zurück und wollte schon Meister zu Lauenkamp folgen, als Kanu‘um an ihm vorbei schritt. Mit zusammengekniffenem Mund ging er noch einmal zu der Baronin. Er sah sie an, dann griff er nach ihrer Hand und zog ihr einen Ring vom Finger. „Es ist vorbei.“
„Kanu’um! Nein!“ Trotz der Dunkelheit konnte Eske die Panik in ihrem Gesicht sehen. Sie griff nach Kanu’ums Hand, krallte ich in seiner Jacke fest. „Das kannst mir nicht antun, ich bin deine Mutter!?“
Kanu’um schüttelte ihre Hand ab, sie wollte ihn nachsetzten, doch die Rosen brachten sie zum straucheln. Sie stolperte. „Du warst nie meine Mutter.“ Kanu’um atmete tief durch. „Du bekommst deinen Ring wieder, sobald Eske in Sicherheit ist.“ Damit wandte er sich ab. Nur Eske stand noch da und konnte sich nicht von dem Anblick der wimmernden Baronin lösen, bis Jose sie anstupste und aufforderte zu gehen.

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