Gebt mir ein Wort: Kotztüte

Aus der Reihe Gebt mir ein Wort, gab mir Anni Bürkl das Wort „Kotztüte“. Da das ein in der Fantasy nun nicht soooo häufig gebrauchtes Wort ist, kam ich da etwas ins Grübeln. Aber: Irgendwo in den hintersten Windungen meines Gehirnes wartet schon seit Jahren eine Idee auf seine Chance; eine Idee, für deren Genre-Bezeichnng mir einfach keine passende einfallen will. Aber es hat etwas von Superhelden und Final-Fantasy. Dazu passt auch eine Kotztüte 😉

Das Metall knarrte und klirrte, wand sich in der Verankerung. Saki zog mit aller Kraft, rüttelte daran und riss die Luke aus dem Boden. Scheppernd landete sie neben dem dunklen Loch, zu dem sie den Zutritt versperrt hatte.
„Wow, ich hätte nicht gedacht, dass du so was kannst“, meinte Serjio hinter ihr leichthin.
„Spar‘ dir deine Komplimente“, seufzte Saki und spähte in die Schwärze. „Wer geht zuerst?“
„Wenn die Damen erlauben.“ Es war keine Frage, Serjio sprach mehr aus Selbstverständlichkeit, und trat an das Loch. Aufrecht stehend ließ er sich hineinfallen, sein dumpfer Aufprall hallte hinauf.
Beth blinzelte beunruhigt und fragte leise: „Was war das denn?“
Saki hob die Schultern. „Was weiß ich. Aufschneiderei nehme ich an, immerhin muss er uns ja beweisen, wie tough so ein Outcast ist.“
Noch während Saki sprach keimte unten Licht auf. Serjio hatte es nicht für nötig gehalten, ihnen mitzuteilen, ob er gut unten angekommen war.
„Sind das Sessel?“
Saki spähte hinunter. Im schwachen, blauen Licht erkannte sie das Innere des Schachtes deutlich. Während Beth ihr LPC-Pad hervorholte und auf dem Bildschirm schon nach Informationen suchte, ließ sich Saki hinuntergleiten. Unten angekommen, befreite sie ihre schwarze Uniform von Staub und schaute hinauf. „Beth, kommst du?“
„Ja … gleich“, antwortete diese und Saki wusste, dass sie noch Minuten hier warten konnte, bis Beth soweit war. Sie nutzte die Zeit, sich genauer anzusehen, was sie gefunden hatten. Serjio hatte mehrere Schweblichter eingeschaltet, die ruhig an der Decke des Schachtes hingen – nur, dass es nicht wirklich ein Schacht war. Auf jeder Seite war eine Sitzreihe, die den ganzen langen Schacht von vorne bis hinten durchzog; alle Sitze waren in die gleiche Richtung ausgerichtet. Über jedem Sitze war eine kleine Schaltkonsole angebracht, an der Unterseite von großen Fächern, die wiederum bis unter die Decke reichten. Wäre Sergio nur wenige Zentimeter größer, stieße er sich den Kopf. Das ganze erinnerte Saki an einen Bunker, in dem man versucht hatte möglichst viele Menschen auf engem Raum zu verstauen.
Serjio war bereits dabei die Sitze zu untersuchen und zog aus einem kleinen Netz an der Rückseite des der Sitze mehrere verblasste Bücher hervor. „Ist das Papier?“ Saki spürte die Aufregung in ihr aufsteigen. Auf was waren sie hier gestoßen?
„Hmm, glaub‘ schon“, meinte Sergio, blätterte durch die Seiten. Unter seinen Fingern brach das Papier und rieselte in kleinen Stücken zu Boden. Schulterzuckend warf Sergio es beiseite. „Wertlos.“
Saki schnappte nach Luft, kaum dass Serjio das Papier fallen ließ. Sie schnellte hervor und fing es auf, noch bevor es den Boden berührt hatte. „Bist du verrückt?!“, herrschte sie Serjio an. „So was ist unsagbar wertvoll! So etwas findet man nur noch in Museen!“
Kaum hatte Saki den Mund geöffnet, drehte sich Serjio langsam zu ihr um. „Bei uns gibt es keine Museen.“ Serjios Blick verfinsterte sich, seine Mundwinkel zuckten und Saki spürte, wie sich eine Spannung in der Luft aufbaute. Es prickelte auf ihrer Haut, wie bei einem nahenden Gewitter; hinter Serjios Augen blitzte es bereits. „All das ist nur Schrott! Bei uns geht es um Nahrung und Wasser, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Nicht um nutzlosen Schrott!“
Die Lampen flackerten. Saki atmete tief durch und begrub ihren eigenen Ärger. „Entschuldige bitte.“
„Hey ihr beiden“, meldete sie sich nun Beth von oben. „Könnte mir jemand runterhelfen?“
Die geladene Luft entspannte sich mit jedem Muskel mehr, den auch Serjio entspannte. Einen langen, warnenden Blick ließ er auf Saki liegen, ehe er an ihr vorbei zur Luke ging um Beth hinunterzuhelfen.
Saki seufzte und schaut auf das Buch in ihrer Hand. Vorsichtig schlug sie es auf, um es nicht weiter zu beschädigen, und entdeckte ein weiteres dazwischen gestecktes Papier. Sie nahm es heraus und entfaltete es; es entpuppte sich als eine Art Tasche aus Papier. Die Aufschrift war nicht mehr zu erkennen und das Pergament selbst so rissig, dass es brach, als Saki es öffnete.
„Ah, warte!“ Beth stellte sich mit begeisterter Mine neben sie, tippte etwas auf ihrem Pad und erklärte dann. „Das nennt man Kotztüte.“
„Kotztüte?“, wiederholte Saki und runzelte die Stirn. „Wie: sich übergeben?“
Beth nickte und zeigte ihr freudestrahlend, was sie gefunden hatte. Auf ihrem Pad prangte neben viel Text das Bild eines langen Fahrzeuges, vorne ein Rad hinten zwei. Doch an den Seiten streckten sich zwei lange Flügel aus. „Sieht wie ein Fluggerät aus.“ Wieder nickte Beth begeistert. „Es heißt Flugzeug. Vor der Umwälzung sind die Menschen damit durch die Gegend geflogen, hunderte oder tausende Kilometer über der Erde und das in einer rasenden Geschwindigkeit. Da brauchten sie viele solcher Kotztüten, wenn sich den Leuten der Magen umdrehte.“
Beth erzählte weitere Details und vertiefte sich dabei wieder auf den Bildschirm ihres Pads. Ein Blick zu Serjio sagte Saki, auch er konnte Beth‘ Begeisterung für solcherlei Dinge nicht teilen – noch weniger, als sie selbst. Er verschränkte ungeduldig die Arme und schüttelte den Kopf. „Wir sind nicht hier, um Papier zu sammeln und nicht um Geschichten aus grauer Vorzeit auszupacken. Wir suchen den Eingang zum Unterbau.“
Beth wurde rot. „Oh, ja … entschuldige, aber ich finde das so aufregend!“
„Sehen wir weiter vorne nach, ob wir noch was finden“, beschloss Serjio kurzerhand und schritt an den beiden Frauen vorbei.
Wieder sah Beth Saki fragend an, doch diese konnte nur wieder die Schultern heben. „Gehen wir. Vielleicht finden wir hier wenigstens Decken oder so.“
„Oder ein altes Pad!“
Angesichts ihrer leuchtenden Augen, verkniff sich Saki ein weiteres Seufzen. „Oder ein altes Pad.“

Noch mehr von der netten kleinen Reihe findet Ihr hier: Gebt mir ein Wort – Übersicht

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