Es war schon spät, das Feuer im Kamin heruntergebrannt. Nur einige Kohlen glühten noch und setzten sich mit einer einzelnen Kerze am Tisch neben der Feuerstelle gegen die Dunkelheit durch, die ansonsten den ganzen Schankraum besetzte. Lailah hatte ein dickes Buch vor sich aufgeschlagen und fuhr mit dem Finger über die dort notierten Zahlen. Ihr Mund bewegte sich, während sie die Rechnungen im Kopf durchging. Einnahmen, Ausgaben, Sonderposten, Gehälter, Gewinne; alles, was in einem Gasthaus relevant war, um es am Laufen zu halten.
Neben dem Buch hatte Lailah einige Stapel Münzen aufgereiht. Zwei Silbermünzen betrachtete sie, nickte und steckte sie in ihre Hosentasche. Den Rest verstaute sie in einem Holzkasten. Gerade hatte sie unter dem Tresen einige Flaschen beiseite geräumt und den Kasten in einen Spalt zwischen den Dielen gelegt, als es an der Tür klopfte. Zuerst beachtete Lailah es nicht und stellte die Flaschen wieder an ihren Platz zurück. Erst nachdem das zweite und dritte Klopfen zu hören war, rief sie: „Wir haben geschlossen!“ Noch immer hörte das Klopfen nicht auf. Ärgerlich versicherte sich Lailah, dass der Holzkasten gut versteckt war und ging zur Tür. Der Riegel klackte, als sie ihn zurückzog und die Tür nur soweit öffnete, um hinaus zu sehen. „Ich hab‘ gesagt, wir …“, weiter kam sie nicht, als sie den Ruhestörer erkannte: „Alena …“ Verwirrt betrachtete sie die Magierin. Ihre weiße Kleidung saß tadellos, ebenso ihre Frisur. Selbst ihr freundliches Lächeln wirkte maßgeschneidert – und dennoch machte sich ein ungutes Gefühl in Lailahs Magengegend breit.
„Guten Abend“, grüßte Alena, „darf ich hereinkommen?“
Lailah blinzelte und riss auch aus der Verblüffung. „Oh, äh … klar“, stammelte sie, trat beiseite und öffnete dabei die Tür gänzlich. „Tschuldige, Alena.“ Während Alena in den Raum hinein ging, schob Lailah den Riegel wieder vor; sie war so unsicher, wie seit langem nicht mehr. Sekunden beobachtete sie Alena, wie diese sich umsah und auch einen Blick in das Rechnungsbuch warf. Dann gab sie sich einen Ruck: „Willst du vielleicht nen Tee?“
Alena wandte sich ihr zu und nickte sacht. „Gerne.“
Da war es. Lailah konnte es förmlich sehen, noch bevor Alena es aussprach. Es war die Art, wie die Falte zwischen ihren Augenbrauen leicht hervortrat und ihr Lächeln aus ihren Augen entschwand. „Ich muss mit euch sprechen, mit Marius und dir.“
Lailah hatte gewusst, dass so etwas kam. So gern sie Alena auch mochte, ihre Besuche waren keine Höflichkeitsbesuche; niemals. Etwas rollte unaufhaltsam auf sie zu, unangenehme Zeiten, das wusste Lailah einfach.
