»Macht platz«, forderte Kyle die Menschenmenge auf. Entschlossen schob er einige Schaulustige beiseite, damit Alena zum Fundort der Leiche vordringen konnte – auch wenn sie diese bereits von weitem sah. Die Gliedmaßen des Mannes hingen wie gebrochene Äste von dem Baum herab, in dessen Krone er lag. Eine Blutspur klebte wie Harz an der Rinde und sickerte in das trockene Gras.
Um den Stamm herum hielten sechs Wachmänner die Menschen davon ab, näher zu treten. Kyle und Alena erhielten bei ihnen freien Durchgang. »Schafft die Menschen hier weg und riegelt den Hof ab«, befahl Alena dem Hauptmann der Wache und wandte den Blick nach oben zu der Leiche. »Wer ist es?«
»Der Schuster von der Ecke«, rief jemand von hinten. Es folgte ein ärgerliches Brummen. »Hey, jetzt lasst uns doch mal durch!«
Alena erkannte die Sprecherin sofort und erspähte die Schneiderin einige Schritte entfernt. Ein Wachmann hielt sie am Arm fest, in der Meinung, sie sei nur eine weitere Schaulustige. »Scher dich weg, habe ich gesagt!«, fuhr die Wache sie an.
»Sananka!« Alena schmunzelte und legte dem Wachmann eine Hand auf die Schulter. »In Ordnung, sie darf durch und …« Ihr Blick fiel auf das Mädchen, das halb hinter Sananka stand; völlig unscheinbar, als sei sie sich selbst nicht sicher, ob sie hier sein durfte. »sie ebenfalls.«
Der Wächter nickte, ließ Sananka los und wandte sich anderen Schaulustigen zu, um sie vom Hof zu kommandieren. Sananka folgte Alena, ohne sich sich von der Leiche beeindruckt zu zeigen. »Malon Segbach heißt er«, berichtete die Schneiderin und deutete hinter sich auf das Mädchen. »Lailah hat mir vorhin gesagt, dass sie nen komisches Gefühl hatte, als sie ihn gestern in der Schenke gesehen hat. Naja, und jetzt hängt er tot hinter der Schenke im Baum.«
Weit empfindsamer, was Gräueltaten betraf, war Lailah bleich im Gesicht und starrte auf den Boden. Dennoch nickte sie. »Ich habe ihm gestern Abend gesagt, er soll vorsichtig sein. Ich … hab einfach gewusst, dass was passieren wird.«
Alena nickte und legte dem Mädchen wohlwollend eine Hand auf die Schulter. »Er hätte auf dich hören sollen. Du kannst mir später sagen, was du gespürt hast und was du weißt. Kyle«, wandte sie sich abrupt an den Schlossgardisten. »würdest du Lailah bitte in meine Räume begleiten? Ich komme nach, sobald ich mir hier ein Bild gemacht habe.«
Kyle nickte und Lailah seufzte erleichterte. Sie schien froh, als sie sich in seiner Begleitung von diesem Ort entfernen konnte. Dennoch blieb Kyles Blick einen Augenblick zu lange an Sananka hängen. Misstrauen, ging es Alena durch den Kopf. Er misstraut ihr. Aber weshalb?
Kopfschüttelnd schob sie den Gedanken beiseite. Das würde sie später herausfinden müssen. Mit einer auffordernden Bewegung winkte sie den Hauptmann herbei und deutete auf Sananka. »Hauptmann Jeghen, Frau Schneiderin kannte den Toten und wird uns nach Kräften unterstützen.«
Während der Hauptmann verwundert das Gesicht verzog, grinste Sananka zufrieden. »Tja, Zivon, jetzt musst du mich auch hier noch ertragen.«
Der Hauptmann murmelte etwas von Nervensäge, doch Alena ging nicht darauf ein. Es wunderte sie nicht, dass Sananka auch den Hauptmann kannte. Sananka kannte viele Menschen und wusste über jeden etwas zu berichten. Sie hatte gelernt Augen und Ohren offen zu halten, weswegen sollte Alena diesen Vorteil nicht nutzen?
Ihr Blick wanderte von einem zum anderen. »Was könnt ihr mir über Malon Segbach sagen?«, begann sie nun einfach ihre Ermittlungen.
