„Du bist für mich ein Rätsel“, eröffnete ich, kaum dass ich den Raum betreten hatte. Schon den ganzen Tag kreisten meine Gedanken darum; ich konnte seine Denkweisen nicht aufschreiben. So sehr ich mich auch bemühte, seine Perspektive blieb mir verschlossen. Ausgerechnet seine! Die meines wunderbar aristokratischen Vampirs, meines liebsten Bösewichts.
Thrax sah auf, als ich eintrat, einen Federkiel in der Hand, und erhob sich ohne Eile. „Guten Abend.“ Er ließ die Feder in das Tintenfass gleiten. „Welch unverhoffter Besuch und welch freudige Begrüßung.“
Ich blinzelte irritiert und schob die Tür hinter mir zu. War ich das letzte mal aufgeregt, als ich ihn besucht, begleitete mich dieses Mal nur eine übermäßige Zerstreutheit. „Ähm … ja, hallo“, murmelte ich und lächelte verlegen. „Entschuldige, ich stehe heute etwas neben mir.“
„Weil du mich nicht verstehst.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung, eine seiner Macken. Er hielt auf mich zu und schritt direkt an mir vorbei. Die Tür gab einen Klack von sich, als er sie gänzlich schloss. Ich hatte nichteinmal bemerkt, dass ich sie nur angelehnt hatte.
„Bitte, nimm platz“, forderte er mich kühl auf und wies einladend mit seiner Linken auf den Sessel, der zwischen den voll beladenen Bücherregalen stand. Woher seine Höflichkeit kam, wusste ich nicht. Vielleicht ahnte er, er würde mich dieses Mal nicht so schnell los werden, wie bei meinem letzten Besuch.
Ich kam der Aufforderung nach und versuchte es mir bequem zu machen. Etwas, dass mir nicht gänzlich gelang, ich war zu angespannt. Kurz schaute ich mich um um, das hatte ich beim letzte Mal nicht getan. Ich war zu nervös gewesen. Nun betrachtete ich mehrere Bücherregale, die fast zwei Wände einnahmen, einen massiven Schreibtisch mitsamt eines gepolsterten Stuhls davor und den dicken Teppich, der den steinernen Boden bedeckte. Alles war in Rot- und Brauntönen gehalten und wirkte fast gemütlich – von dem nackten Felsen der Wand einmal abgesehen. Und es war kühl. Das war mir das letzte Mal entgangen.Thrax blieb stehen, gerade aufgerichtet, und betrachtete mich abwartend. Ich fühlte mich genötigt etwas zu sagen. „Mein Problem ist, ich habe in jeden Einblick, jeden verstehe ich, selbst Imiak. Nur dich eben nicht.“
Ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen. „Imiak stellt keine hohe Messlatte des Verständnisses dar.“
„Ja, ein blöder Vergleich“, gab ich zu und drehte etwas peinlich berührt an meinem Ring. Da war schon eines der Probleme: Sein Verhalten war kühl und höflich, er duldete meine Anwesenheit, doch ich konnte nicht einschätzen, was wirklich in ihm vorging. Hatte ich an seinem Stolz gerührt, ihn mit Imiak zu vergleichen, zeigte er es mit keiner Regung.
Vielleicht hatte er sich schlicht durch den Kopf gehen lassen, wie er mich am schnellsten wieder los wurde, doch er kam mir in meinem Ansinnen entgegen: „Was möchtest du wissen?“
Ich hob bedeutend eine Hand. „Das zum Beispiel: Warum bist du mir gegenüber plötzlich so zuvorkommend?“
„Kooperation ist eine Entscheidungssache“, entgegnete er leicht hin.
„Ich hatte von dir mehr Bockigkeit erwartet.“
Fast regungslos stand er mir gegenüber, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Lediglich in seinen Augen blitzte etwas auf, dem ironischen Lächeln nach zu urteilen amüsiert. Sein gleichmütiger Tonfall passte zu dem Bild. „Du schreibst nicht nur Mikayirells Geschichte, es ist auch die meine. Weswegen sollte ich dir verwehren, meinen Standpunkt klar darzustellen?“
Das ergab Sinn. „Also, bist du mit der Rolle des Bösen zufrieden?“, fragte ich.
„Es gibt keinen Bösen. Mikayirell vertritt ihre Meinung, ich die meine.“ Seine Worte klangen wie eine Belehrung. „Von all dem, was ich tat, bereue ich nichts. Alles hatte seine Gründe.“
Das war ein Vorteil an Thrax: Er vertrat klare Standpunkte und befand es nicht für nötig diese zu ändern. Denn genau das hatte er bereits bei meinem letzten Besuch angedeutet. Ich seufzte resignierend und verschränkte die Arme, um mich etwas zu wärmen. „Ich weiß, das hatten wir schon.“
Er lächelte kühl und ich stellte mir wieder die Frage, nach seinem Gewissen. Ich war mir sicher, er hatte eines, die Frage war nur, bei was es anschlug.
„War das alles?“, erkundigte er sich geduldig.
„Was ist deine Motivation?“, stellte ich die erste Frage, die mir in den Sinn kam und merkte kurz darauf, dass ich mich ausführen musste. „Ich meine, warum wolltest du Mika unbedingt an deiner Seite?“
„Ich glaubte, sie liebe mich.“
Wieder spiegelte sich Belustigung in seinem Blick wider und ich kam mir dumm vor. Was stellte ich nur für unsinnige Fragen? Fragen, deren Antworten ich im Grunde kannte. Etwas anderes musste her; etwas, an dass ich noch keinen Gedanken verschwendet hatte. „Was ist deine Lieblingsfarbe?“
Er runzelte die Stirn. Hatte ich ihn nun überrascht? Aber auch diese Antwort gab er so sicher, dass ich wusste, er musste nicht darüber nachdenken: „Ein rauchiges Blau.“
Jetzt runzelte ich die Stirn. Thrax war nicht die Art Mensch, die sich mit der Schönheit von Farben beschäftigten. Das zeigte allein schon die Einrichtung des Raumes, in dem er die meiste Zeit des Tages verbrachte. Andererseits musste er einen Sinn für Ästhetik haben, er konnte schließlich zeichnen.Weswegen sollte er also nicht auch eine Lieblingsfarbe haben?
Also fragte ich weiter, was mir als nächstes durch den Kopf ging: „Was war dein Lieblingsessen?“
„Hasenbraten.“ Er lachte. „Möchtest du noch wissen, welche Opfer ich jetzt bevorzuge?“
Ich sah ihn schräg an und schüttelte mich unwillkürlich. „Nein, lieber nicht.“ Sein kühles Lächeln und die Art, wie er das sagte, verhießen nichts Gutes. Das war seine unangenehme Seite, aber auch über diese musste ich etwas in Erfahrung bringen. „Obwohl …“
„Sie an.“ Er lachte trocken; das war kein echtes Lachen, kein wirkliches Amüsement. Viel mehr glich es einer gewissen Vorfreude. Nur worauf? Eine Weile herrschte Schweigen, in der er seine starre Position verließ und mit ein paar Schritten den Raum durchquerte und trotz seines Lachens war die Antwort nicht schockierend: „Sauber.“ Erst nachdem er das ausgesprochen hatte, wandte er sich mir erneut zu. „Meine Opfer sollten sauber sein. Ich bevorzuge kein bestimmtes Alter, wenn ich auch Greise und kleine Kinder meide. Das Blut von Greisen ist schal und das von Kindern zu wenig und der Mühe nicht wert. Sie sind entweder zu zutraulich oder zu ängstlich, das verdirbt den Spaß.“
Ich schauderte und schob jegliche bildliche Vorstellung, die seine Worte hervorriefen, beiseite. Diese Sachen waren es, die ich lieber nicht hören wollte und mit denen ich mich, wenn ich ehrlich war, eigentlich auch nicht beschäftigen wollte.
Meine Reaktion entging auch ihm nicht und wieder erklang dieses trockene Lachen. Es musste jenes sein, dass auch Mika verabscheute. „Meine Liebe, in mir hast du keinen Kinderfreund erschaffen. Möchtest du noch mehr hören?“
Die höfliche Erkundigung widersprach dem, was er mir soeben erzählt hatte. Ich schüttelte den Kopf und hob entschlossen die Hand. „Nur, wenn du mir das ganze sachlich sagen kannst – und ohne Kinder zu erwähnen.“
Nachdenklich betrachtete er mich und nickte. „Nun gut“, fuhr er fort. „Meine Opfer sind zumeist einsame Menschen in den Städten. Hin und wieder treibt es mich aufs Land. In jedem Fall besuche ich keinen Ort zwei Mal hintereinander.“ Er vollführte eine wegwerfende Geste mit seiner linken Hand und trat auf mich zu. „Menschen brauchen Zeit um ungewöhnliche Vorfälle zu vergessen und Leichen wecken meistens das öffentliche Interesse.“ Gelassen blieb er einige Schritte vor mir stehen. „So lange sie noch am Leben sind, erleichtert mir meine Magie den Umgang mit meinen Opfern. Sie bleiben ruhig, martern nicht mein Gehör und fliehen nicht, wenn ich es nicht möchte.“
„Wenn du es nicht möchtest?“ Plötzlich wusste ich, welches Lächeln an ihm Mika missfiel. Jetzt zierte ein Zug aus Selbstsicherheit und Hohn seine Lippen; Seine Haltung war arrogant. Allmählich wurde mir flau im Magen.
„Auf dem Land lassen sich interessante Hetzjagden veranstalten. In der Stadt lohnt es nicht. Auch dort wollen sie fliehen, das wollen sie alle, doch meine Magie kontrolliert ihr Tun; nur ihrem Instinkt können sie nicht gehorchen, der in ihrem Unterbewusstsein nach Flucht schreit.“
„Das reicht.“ Ich hob beide Hände um weitere Ausführungen zu unterbinden und meine Worte zu unterstreichen, doch er sprach weiter: „Es gibt nur wenige, die sich der Beherrschungsmagie entziehen können. Aber einige schaffen es mit ihrem Willen sich dem zu widersetzten und erleben alles …“
„Thrax!“ Abrupt stand ich auf. „Es reicht!“
„So? Ich hatte dir das ganze veranschaulichen wollen, denn zeigen kann ich es dir nicht.“
Sein Lächeln hatte sich nicht verändert und plötzlich wusste ich, was er tat: Er belog mich.Wütend darüber ballte ich die Hände zu Fäusten. „Ich weiß, was du hier machst, du willst mich foppen! Du veranstaltest weder Hetzjagden, noch kümmerst du dich sonst irgendwie groß um dein Opfer. Das Blut trinken ist dir doch eher lästig, als ein Vergnügen! Und genau deswegen tötest du auch keine Kinder, weil es mehr als ein Opfer bedeuten würde und deswegen zu viel Aufwand! Das weiß ich!“
Er ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen, verschränkt aber wieder die Hände hinter dem Rücken. „Wenn du es weißt, weswegen fragst du mich?“
„Weil ich es erst seit jetzt weiß!“, brüllte ich ihm entgegen und stapfte wütend davon. Die Tür knallte hinter mir zu und hallte dumpf wieder. Das hatte ich davon, ihn mit Imiak zu vergleichen.

Ein Kommentar zu „Gespräch mit Thrax (2)“