Wenn ich mich auf etwas schon immer gut verstanden habe, dann darauf, wie ich meine Charaktere in andere Geschichten hinein schmuggle. Ich habe das damals schon bei „Arielle, die Meerjungfrau“ gemacht, bei „Die drei Musketiere“ und überhaupt bei allem, was ich gerne gesehen, gehört oder gelesen habe. Ich wollte mich nicht mit irgendjemandem identifizieren; nein, ich baute meine eigenen Figuren und Ideen ein.
Und das tue ich heute noch immer. Ein gutes Ambiente, eine gute Geschichte, faszinierende Charaktere; all das verleitet mich nur dazu, „mitmachen“ zu wollen. Mir kommen Ideen in den Sinn, Szenen, die sich zwischen den meinen Charakteren und den eigentlichen Protagonisten abspielen. Meine Charaktere übernehmen wichtige Funktionen, Teile der Rollen von anderen und erhalten so eine eigene Rolle, vom Anfang bis zum Ende.
Dazu kommt, dass sich Ereignisse auf diese Weise biegen lassen, um sie zu verändern. Gefällt mit etwas nicht, dann ändere ich es kurzerhand.
So auch bei Love Never Dies.
In dieses Ambiente passen zwei meiner Charaktere wunderbar hinein; zwei, die nach meinem Gutdünken auch schon in The Phantom Of The Opera von der Partie waren: Alena und Sananka.
Alena reist zusammen mit Christine, Raoul und Gustave nach Amerika, um ihren eigenen Mann und Sohn dort zu treffen – allerdings erst nach den ganzen Ereignissen.
Sananka, damals schon Kostümbildnerin in der Oper, hat es nun auch nach Cony Island verschlagen, wo sie durch Zufall wieder bei Erik, Meg und Madame Giri landet.
Beide sind also von Anfang an mit von der Partie. Allerdings schalten sie sich erst zum Ende hin ein: Sananka bringt Christine zu Erik, als diese das erste Mal nach ihren Sohn sucht (und weiß am Ende wohin Meg mit Gustave verschwunden sein muss). Nachdem Erik und Raoul vereinbart haben, dass einer von beiden Christine in Frieden lässt, je nachdem ob sie singt oder nicht, erzählt Sananka das Alena.
Die wiederum versucht, den Konflikt zu lösen und Raoul und Erik zur Vernunft zu bringen, da keiner der beiden es für nötig gehalten hat, Christine einzuweihen. Um es ihr selbst zu sagen, kommt sie leider zu spät.
Das wäre die Kurzform 🙂
Als kleines Beispiel eine Szene, die zu dem Zeitpunkt spielt, als Christine auf die Bühne geht und singt und sich Raoul deswegen aus dem Staub machen will.
„Raoul! Warte!“
Schon einen Fuß auf dem Trittbrett hielt Raoul inne und sah sich um. Doch die Zeit genügte; Alena schloss zu ihm auf und legte demonstrativ eine Hand an die Tür. „Warum lasst ihr nicht Christine die Entscheidung?“
Raoul sah sie traurig an. Seine Augen waren gerötet, doch bar jeden Einflusses von Alkohol. „Sie hat sich entschieden.“
„Nein, hat sie nicht. Sie hat gesungen, sonst nichts“, hielt Alena dagegen und schüttelte nachdrücklich den Kopf. Sein Verhalten machte sie wütend. Nein, nicht nur das seine; beider Verhalten erzürnte sie. Erik und Raoul glaubten Christine eine Entscheidung zu überlassen, ohne dass diese davon wusste. „Lasst sie wenigstens nicht im Dunkeln! Es geht immerhin um ihre Zukunft.“
Er musterte sie, lange genug, um Alena glauben zu machen, er denke über ihre Worte nach. Das Ergebnis war jedoch nicht das erhoffte: Ohne ein weiteres Wort wollte er in die Kutsche steigen.
Alena hielt ihn zurück. „Dann kämpfe wenigstens um deinen Sohn!“
„Er ist nicht mein Sohn“, sagte Raoul verächtlich, schüttelte ihre Hand ab und setzte sich in die Kutsche. Doch Alena ließ die Tür nicht los. Noch war sie nicht bereit ihn einfach davonfahren zu lassen. „Du warst zehn Jahre lang sein Vater!“, fuhr sie ihn an, heftiger, als sie vorgehabt hatte. „Das ändert sich für ihn nicht von einem auf den anderen Tag, Raoul!“
„Er hat jetzt einen neuen Vater.“ Die Wehmut in Raouls Blick wurde von Entschlossenheit überlagert, mit der er Alena die Tür aus den Händen riss und sie schloss. „Zum Hafen!“, kommandierte er dem Kutscher.
Alena sah der Kutsche nach. Sie hatte getan, was sie konnte, aber keiner dieser beiden Sturköpfe war einsichtig; Christines Meinung interessierte beide nicht.

Ein Kommentar zu „Vom Charakterschmuggel“