In den Ecken des Zimmers türmte sich die Dunkelheit. Nur der große Arbeitstisch war mit mehreren Kerzen in der Mitte hell erleuchtet und offenbarte Stoffe, Garn und Scheren. Genug Licht, um die Stoffe entlang der Schnittmuster auszuschneiden.
Ein leises Geräusch drang aus den oberen Zimmern. Sananka horchte auf. Versuchte jemand hier einzubrechen? Sie runzelte die Stirn, umfasste die Schere fester und spannte jeden Muskeln an. Vorsichtig erhob sie sich und schlich ohne einen Laut zu verursachen zu dem Vorhang, der das Treppenhaus von der Arbeitsstube trennte. Doch noch ehe sie ihn erreicht hatte, wurde der Vorhang ruckartig beiseite geschoben. Eine schlanke Gestalt trat hindurch und grinste ihr hämisch entgegen.
Ihn sah sie hier nicht gerne, dennoch atmete Sananka innerlich auf. „Verdammt!“, zischte sie und zog den Vorhang wieder zu. „Kater, was willst du hier?!“
„Nana, ein bisschen mehr Freude wäre angebracht, meinst du nicht?“ Seine katzenhaften Augen musterten sie abwertend. Ihnen und seinen geschmeidigen Bewegungen verdankte der Halbelf seinen Namen. Aber selbst ausgehungerte Streuner hatte Sananka lieber im Haus, als ihn. „Ich habe einen Auftrag für dich“, schnurrte er und setzt sich ohne Rücksicht mitten auf den Tisch. Der Stoff straffte sich unter seinem Gewicht und die Kerzen gerieten ins Wanken. Gleichzeitig fischte er einen kleinen Brief aus seiner Hemdtasche und hielt ihn ihr mit Mittel- und Zeigefinger entgegen.
Sananka freute sich nicht; weder über seinen Besuch noch über den Auftrag. Ärgerlich nahm sie den Brief entgegen und überflog sie Zeilen. Nur die wichtigsten Punkte wollte sie wissen: Es handelte sich um einen Mann, vielleicht in ihrem alter, keine Frau, keine Kinder. Sie ließ den Brief sinken und sah Kater scharf an. „Na schön, du hast’s mir gegeben, also hau wieder ab. Ich habe noch zu arbeiten.“
„Warum so eilig?“ Er musterte sie, zu aufmerksam für Sanankas Geschmack. „Ich dachte, wir könnten uns vielleicht noch ein wenig amüsieren.“ Stoffe und Scheren fielen auf den Boden, als er vom Tisch glitt und ihr entgegen ging. „Du bist doch ein hübsches kleines Ding und könntest mir noch einen Gefallen tun.“
Sananka blieb stehen, verdrängte jeden Impuls zurückzuweichen und der aufkeimenden Angst nachzugeben. Diese Worte schnürten ihr die Kehle zu und brachte ihre Knie zum zittern. Doch erst, als er eine ihrer Haarsträhnen zwischen die Finger nahm, löste sich die Starre von ihr. Sie schlug seine Hand grob beiseite. „Lass das! Solche Gefallen mache ich!“, fauchte sie und wich ein paar Schritte zurück.
Ein herablassendes Grinsen zeigte sich auf seinen Zügen. „Oh, sie an, kratzbürstig, wie immer.“ Kater setzte ihr nach und ergriff ihren Arm. „Aber ob du Spaß hast, ist mir egal, Hauptsache, ich habe meinen.“
Sananka reagierte schnell genug. Die Spitze der Schere in ihren Händen verhinderte, dass er ihr zu nahe trat. „Verschwinde endlich!“ Nachdrücklich bohrte sie ihm die Schere in die Seite; nicht fest genug, um ihn zu verletzen, doch um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. „Oder ich zeige dir, warum Scyres mich für solche Aufträge anheuert. Es würde mir verdammt viel Spaß machen, dich ins Streifen zu schneiden und an die Straßenköter zu verfüttern!“
Die Drohung wirkte. Sananka konnte förmlich sehen, wie er sich das Für und Wider durch den Kopf gehen ließ. Doch er hatte fast so viel Angst vor Scyres, wie sie selbst. Kater lachte hämisch und ließ ihren Arm los. „Es gibt noch mehr Assassinen. Und glaub mir, sobald Scyres dich nicht mehr braucht, bist du fällig!“ Eilig wandte er sich um und verschwand durch den Vorhang hinaus.
Die Kerzen flackerten im Luftzug und Sananka starrte ihm nach. Ihr war übel. Sie wollte das alles hinter sich lassen, wollte einfach verschwinden, sich in Luft auflösen; sie wollte nur nicht mehr ohne Sinn und Verstand Aufträge erledigen, darauf wartend, dass einer kam, den sie nicht würde durchziehen können, ohne … ja, ohne was? Ohne zu dem zu werden, weswegen sie überhaupt eine Mörderin geworden war? Kater war einer von denen, gegen die sie sich hatte werden wollen. Jetzt weilte sie mitten unter ihnen und würde früher oder später eine von ihnen werden.
Mühsam, als hätte sie plötzlich jede Kraft verlassen, hob Sananka die Stoffe auf und legte sie behutsam wieder auf den Tisch. Wenn sie doch nur einen Ausweg fände!
